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Dienstag, 24. Juni 2008

Stürmische Zeiten

Über 200 Tote, zigttausende von evakuierten Menschen, Erdrutsche und überflutete Straßen und eine gesunkene Fähre mit über 700 Personen an Bord an der Küste vor Romblon: Der Taifun Frank, der am Wochenende vom 21. und 22. Juli über dem philippinischen Archipel wütete, war der bisher stärkste des Jahres 2008.



Die Halbinsel Bondoc blieb vom Schlimmsten verschont.

Zwar stehen zwischen Mulanay und der nördlichen Provinzstadt Lucena fast keine Bananenpflanzen mehr.







Aber die meisten Kokospalmen haben den Wind unbeschadet überstanden.


In Mulanay, dem Ort, in dem die IPON-Beobachter ihr Büro haben, herrschte fast drei Tage lang der Ausnahmezustand: Es gab kein Wasser, keinen Strom und kein Funknetz fürs Handy.










Viele Wege sind nach heftigem Regen aufgeweicht.
















In den kommenden Tagen werden die Observer von IPON wieder einmal nach San Andres reisen - nach Mangero, in den Ort, in dem bewaffnete Männer des Landbesitzers den Menschen gedroht haben: Sollten sie bis Anfang Juli nicht verschwunden sein, würden alle Hütten zerstört.

Mittwoch, 7. Mai 2008

San Narciso

In den Bergen







Das gefährlichste Gebiet von Bondoc: In den Bergen von San Narciso, im Osten der philippinischen Halbinsel Bondoc, herrscht nicht der philippinische Staat, sondern das Hacienda Law - das Gesetz des Landlords. Der chinesisch-stämmige Landlord Uy, der seinen Besitz noch in Marcos Zeiten anhäufte, gilt als besonders rabiat. Er bedroht die Bauern mit Hilfe seiner Privatmilizen - und manchmal lässt er sie auch umbringen. Die Privatmilizen der Landlords werden „Goons“ genannt - ein Mischwort aus „guns and gold“, weil die Landlords ihren Männern Gewehre und Geld geben und so mit Macht ausstatten.





Beschwerliche Wege in den Bergen



Der Mord an Julie Empas Deolito: Am 19. Februar 2008 wurde in Uys Gebiet der Bauernführer Julie Empas Deolito von drei Männern entführt. Drei Wochen später fand ihn die Polizei: in einem Erdloch begraben, die Hände auf den Rücken gebunden und einen Knebel im Mund.




Genard Deolito vor dem Foto seines ermordeten Vaters










Verhaftet wurde bisher einer der drei mutmaßlichen Mörder: ein gewisser Jerson Carabido, der in dem Ruf steht, für die New Peoples Army (NPA), die maoistische Armee zu kämpfen. Die Berge rund um San Narciso sind Hochburg der NPA. Diese liefert sich immer wieder Schießereien mit der philippinischen Armee. Die NPA gilt in den Philippinen als Terrororganisation, die nichts weniger will als die Revolution.


Genard mit seinem jüngsten Bruder Joseph





Eine mutige Frau: Nach dem Mord an Julie Deolito verließ seine Ehefrau Rosemenia mit ihren acht Kindern das Haus und lebt seitdem in einem Ort in der Nähe von San Narciso: Sie hat Angst vor den beiden Entführern ihres Mannes, die noch in Freiheit sind. Jetzt will Rosemenia das Amt ihres Mannes als Abgeordnete „Kagawat“ im Regionalparlament übernehmen. Vor ihrem Eheman, "Kagawat" Julie Deolito, war bereits dessen Vorgänger ermordet worden. Außer Rosemenia will nun keiner mehr in dieses Amt. "Kagawats" kennen viele Bauern und haben große Macht - was den Landherren ganz und gar nicht gefällt.




Keine klaren Fronten: Am 5. und 6. Mai fuhren wir, das IPON-Team Manuel Narjes und Gisela Dürselen, mit Genard, dem Sohn des Ermordeten, und unserem Tagalog-Dolmetscher Aries in die Berge von San Narciso. Dort trafen wir Genards Mutter Rosemenia, Zeugen des Mordes an Julie Deolito und bedrohte Bauern, die uns ihre Geschichten erzählten. Wer mit den Bauern spricht, versteht sehr bald: Auf Bondoc ist alles möglich, und nichts eindeutig. Es gibt keine klare Fronten; Gut und Böse liegen eng beieinander. Manche Bauern arbeiten heute als Goons von Uy, kämpfen morgen für die maoistische NPA und stellen vielleicht übermorgen einen Antrag beim Staat um Land. Weil die Bauern so arm sind, arbeiten sie oft für den, der am besten zahlt.


Genard Deolitos verlassenes Elternhaus



















Die Geschichte des Augenzeugen. Die Nacht des 19. Februar 2008 - die Nacht der Entführung: Der Landkreispolizist Antonio Palacio, sechs weitere Männer und Bauernführer Julie Deolito singen in einer Videokebar und trinken reichlich Gin. Da springt plötzlich die Tür auf, drei Männer halten den Leuten in der Bar ihre Gewehre vor die Nase, und alle müssen sich auf den Boden legen. Alle bis auf einen: Julie Deolito – den nehmen sie mit.


Nachdem Julie Deolito gebunden in einer Grube gefunden worden war, will keiner der Gäste in der Bar sich mehr erinnern. Jeder hat Angst, keiner will etwas sagen. Nicht so Antonio Palacio: Er ist der Cousin des Toten, und Familie ist wichtiger als alles andere. Antonio Palacio beschreibt die Gesichter der Männer. Er beschreibt sie bei der Polizei; beim Militär und im Bureau of Investigation in Manila.






Bauernkinder in den Bergen von San Narciso











Dann streiften einige Nächte lang fremde Männer
um das Haus von Antonio Palacio. Dabei grölten sie: „Wir bringen euch alle um.“ Die Polizei hat Antonio Palacio Zeugenschutz versprochen – aber sonst ist bisher nichts geschehen.


„Die Leute haben kein Vertrauen in die Polizei, weil einige von ihnen zu den Goons helfen", sagt Antonio Palacio. Ein Cousin hat Antonio Palacio angeboten, zu ihm nach Visayas zu ziehen - fernab von den Goons auf Bondoc. Antonio Palacio bleibt. Er will da sein, falls der Prozess beginnt.



Der Bauer Timoteo Amante wohnt ebenfalls in den Bergen um San Narciso. Seine Geschichte handelt von unbekannten Männern, die vielleicht die Goons des Uy sind, vielleicht aber auch zur NPA gehören: In einer heißen Juninacht schreckt Bauer Timoteo Amante aus dem Schlaf, weil das Schwein quiekt. Er geht ans Fenster und sieht zwei Männer mit Taschenlampen um sein Haus schleichen. Timoteo Amante holt sein langes Bolo-Buschmesser und sieht am Fenster einen der Männer, als ein Schuss fällt. Der Bauer hat Glück: Gerade im richtigen Moment dreht er sich um. Die Kugel streift ihn nur an der Brust. Timoteo Amante zeigt seine Wunde dem Dorfpolizisten, doch dieser winkt ab: Timoteo Amante sei nicht angeschossen - er habe sich selbst mit einem spitzen Gegenstand verletzt.








Auf der Halbinsel Bondoc dreht sich alles um die Kokmosnuss. In den Bergen von San Narciso ist sie die einzige Einkommensquelle für die Bauern.






Drei Wochen später wird Bauer Timoteo Amante wieder jäh geweckt. Dieses Mal gackert ein Huhn. In dieser Nacht schleichen sieben Männer um das Haus. Es fallen mehrere Schüsse, die keinen treffen. Timoteo Amante geht zum Militär, weil er der Polizei nicht mehr traut. „Wir strengen uns an“, sagt der Offizier: „Aber es gibt eine Übereinkunft. Es ist besser, wir vergessen den Fall.“

In jener Zeit gab es so viele Anzeigen in dem Gebiet von Uy, dass Bauernführer und Landherr ein Abkommen trafen: Alle bisherigen Fälle würden vergessen; alle Anzeigen geschlossen.


Das war im Jahr 2003. Seitdem hat Timoteo Amante keinem mehr etwas von seiner Wunde in der Brust erzählt, und auch nicht von den Männern vor seinem Haus. Er weiß, dass die Männer gekommen waren, weil er "Petitioner"ist: ein Bauer, der sein Recht in Anspruch nimmt und im Rahmen der Landreform CARP eigenes Land beantragt. Viele Antragsteller werden bedroht; manche von ihrem Land verjagt, andere einfach umgebracht. Die Gesichter der Männer mit den Gewehren hat sich Bauer Timoteo Amante gemerkt: Dabei war unter anderem Ernel Palacio, der Sohn von Antonio Palacio, der jetzt Augenzeuge im Mordfall von Julie Deolito ist.

"Die Familie Palacio gehörte damals zu den Goons", sagt Bauer Timoteo Amante. "Keiner weiß, ob diese Leute es heute noch sind.“ Antonio Palacio sage wohl deshalb aus, weil der Ermordete Familie ist. Vielleicht aber auch deshalb, weil ihm Julie Deolito im Falle seiner Wahl zum Kagawat helfen wollte, Polizeioffizier zu werden: Eine Hand wäscht die andere. Wer einem anderen einen Gefallen tut, kann sich sicher sein, dass der andere das Gleiche tut. Wer eine Bringschuld nicht einlöst, verliert sein Gesicht. Das ist bei den Bauern nicht anders als bei den Landlords.










Idylle am pazifischen Ozean: Romantische Sonnenuntergänge dürfen nicht das andere Gesicht der Philippinen vergessen lassen. Das ist unter anderem der Kampf der Bauern um ihre Menschenrechte. Eines der fundamentalsten ist das Recht auf Nahrung: Indem die Bauern im Rahmen der Landreform CARP ein Stück eigenes Land beantragen, kämpfen sie für ihr Recht auf Nahrung.

Mittwoch, 9. Januar 2008

Landreform in den Philippinen


Wer weiß schon, was Bondoc ist? -

Bondoc ist eine kleine Halbinsel, nicht größer als das Saarland, 200 Kilometer im Süden der philippinischen Hauptstadt Manila.

Bondoc steht in keinem Touristenführer.


Und das ist gut so: Denn auf Bondoc gibt es keine Sehenswürdigkeiten. Keine großen Städte und Vergnügungsmeilen, nicht einmal richtige Straßen. Auch keine Terroristen mit Reputation, so wie die Abu Sayyaf im Süden der Philippinen.

Auf Bondoc gibt es nur Kokosnüsse und Bauern.

Die Bauern ernten die Kokosnüsse und hoffen auf ein eigenes Stück Land, wie es ihnen der philippinische Staat vor 20 Jahren versprochen hat. Beinahe hätten alle ihr Glück gemacht. Wenn nicht die Landlords wären, die sich als Lords empfinden und ihre Macht aus dem Landbesitz schöpfen. Und wenn nicht die Armee der Kommunisten wäre, die NPA, die "Armee des neuen Volkes": Das neue Volk sieht das Glück in der Revolution.


Wer interessiert sich für Kokosnüsse und Bauern auf Bondoc?

Zum Beispiel die Leute der Organisation IPON (International Peace Observers Network): Sie mischen sich in den Konflikt nicht ein. Aber sie begleiten die Bauern der Organisation KMBP, die sich dadurch sicherer fühlen. Sie machen öffentlich, was sonst verborgen bleibt. Sie schaffen damit einen Freiraum, der es den Bauern von Bondoc erlaubt, ihre Probleme friedlich zu lösen.

Die Bauern von Bondoc Kämpfen um Land und damit um ihr Recht auf Nahrung. Genau damit wird diese kleine Halbinsel am Rande des Südchinesischen Meeres interessant:


Diese Menschen kämpfen für ihre Rechte mit einer beharrlichen Friedfertigkeit.


Ende 2008 soll das Landreformprojekt CARP in den Philippinen auslaufen. In der entscheidenden Phase werde ich als Friedensfachkraft und Menschenrechtsbeobachterin von IPON dabei sein. Der Aufenthalt wird auch eine Recherchereise für meine journalistische Arbeit sein. Ab Mai werde ich auf diesen Seiten über das alltägliche Leben auf einer kleinen Halbinsel berichten, die 20 Flugstunden von Europa entfernt liegt.

Ihr werdet lesen von Kokosnüssen und Bauern. Von Guns und Goons. Von Liedern und Träumen. Und von all dem Kleinen, das unwichtig erscheint und trotzdem mit allem Großen zusammenhängt.


Wer schon vorab mehr über das Projekt wissen möchte, kann auf die Website von IPON schauen.
Weitere Informationen über die Menschenrechtslage in den Philippinen gibt es auf der Seite des Asienhauses.


Hier könnt ihr etwas über die aktuelle politische Situation in den Philippinen lesen.

Hier lest ihr über den Bauernführer Deolito Julie Empas, entführt und ermordet im Februar 2008.